Einflüsse des Protestantismus auf die katholische Kirche

Über den Einfluss des Lutherischen

Als die römische Bischofssynode zur Neuevangelisierung im Oktober 2012 die Pfarrei als den zentralen Ort und Ausgangspunkt für die Weitergabe des Glaubens bezeichnete, mag mancher nördlich der Alpen nur mit den Schultern gezuckt haben. Weil es in deutschsprachigen Landen die klassische Pfarrei kaum noch gibt oder in Zukunft nicht mehr geben soll. Das liegt nicht nur an den neuen Seelsorgeeinheiten, die die pastoralen Planer aus dem Boden stampfen. Schon vorher hatte die Pfarrei mit dem Pfarrer an der Spitze weitgehend ausgedient. Die Gemeinde war an ihren Platz getreten, in der die Laien in den Altarraum drängen. Da geht es nicht nur um Namen oder Begrifflichkeiten, sondern um handfeste (reformatorische) Theologie.

 

Von der Pfarrei zur Gemeinde - Über die kalten Wege der zweiten Reformation in Deutschland

von Guido Rodheudt

Wann immer man sich gegenwärtig in die Nähe des von Kirchensteuermitteln hübsch aufgemachten und in bunte Farben gehüllten deutschen Nationalkatholizismus begibt, landet man früher oder später im Stuhlkreis – also in jenem modernen Chorgestühl, in dem man augenblicklich das Schicksal der deutschen Kirche zu bestimmen versucht. Ganz nach dem Vorbild der in der Physiotherapie üblichen Hockergruppen. 

Denn wenn das Alter drückt und die Kräfte schwinden, leidet auch das Stehvermögen. Darum ist der Physiotherapeut gnädig und lässt einen bei der Krankengymnastik sitzen. Die Hockergruppe ist das berühmt-berüchtigte Hilfsmittel zum Aufbau vorübergehend geschwundener Körperkräfte. Ähnlich bemüht sind die zeitgenössischen Methoden der Revitalisierung in der deutsch-katholischen Kirche, nachdem sie diverse kleine und große Schlaganfälle in theologische Verwirrung gestürzt und ihr die Kräfte geraubt haben. 

Die zeitgenössischen Lähmungserscheinungen ähneln dabei fatal jener Krankheit, von der im sechzehnten Jahrhundert die deutsche Kirche und später die gesamte katholische Welt befallen worden war. 

Damals hatte die  Reformation wie ein heftiger theologischer Infarkt eine weitgehend liederlich gewordene und deswegen unvorbereitete Kirche und einen maroden Klerus unversehens aufs Krankenlager geworfen und alle innere und äußere Dynamik erfolgreich gelähmt. 

Wer heute die Reformationsgeschichte des bedeutenden Kirchenhistorikers Joseph Lortz liest, fühlt sich bezüglich dieser Bestandsaufnahme in die Gegenwart versetzt. Denn die ausgesprochene Sucht Martin Luthers, das Allgemeine Priestertum aller Gläubigen und die „Freiheit des Christenmenschen“ zur Grundlage eines Gesamtangriffs auf die Kirche und ihre Tradition zu machen, entspricht im Wesentlichen den heutigen und unter dem Deckmantel der Strukturreformen getarnten laikalen Reformatiönchen in den tonangebenden Kreisen des deutschen Katholizismus. 

Wer den Besuch Benedikts XVI. in Deutschland im September 2011 aufmerksam verfolgt hat, wird sich des Eindrucks nicht erwehren können, dass sich – mal in offener Kritik, mal in den üblichen subtilen Stänkereien der Bistumsblätter und der Stellungnahmen des Zentralkomitees der deutschen Katholiken – dort, ähnlich wie in der Reformation Luthers, ein „Aufstand gegen die Papstkirche durch eine theologische Laienbewegung“ (Joseph Lortz, Die Reformation in Deutschland I., Freiburg, 3. Aufl. 1948, S. 10) zusammenbraut.

Wie aber sah damals die Therapie aus? Was versuchte man zu tun, um noch Schlimmeres zu verhindern?

Die Reha-Maßnahmen der Gegenreformation

Im Gegensatz zu heute überließ man die aus der theologischen und disziplinären Bahn geratene deutsche Kirche nicht ihren reformatorischen Selbsthilfegruppen. Nachdem zunächst die meisten Angehörigen des Episkopats mit der Situation anfänglich überfordert waren, verordneten wenig später kluge Chef-, Ober- und Assistenzärzte wie Papst Pius V., Petrus Canisius, Robert Bellarmin oder Karl Borromäus die nötige Therapie und halfen mittels kluger Rehabilitationsprogramme und durch die Gründung entsprechender Institutionen dem durch die Reformation angeschlagenen Patienten wieder so auf die Beine, dass er mit der Zeit wieder selbständig agieren konnte. Sie hatten erkannt, was das Nötigste war, das Abhilfe schaffen und die katholische Sache wiedergewinnen konnte: die innere und äußere Erneuerung der priesterlichen Seelsorge.

Die Reha-Maßnahmen der Gegenreformation waren diesbezüglich entschieden, streng und radikal, das heißt, um Heilung an der Wurzel bemüht. Sie nahmen als erste die Träger des Verfalls und damit die für die Heilung nötigste Personengruppe in den Blick: die Kleriker. Priesterseminare und deren ausgesuchte Erzieher, die die Kleriker vor ihrer Weihe erst einmal durch ein kaserniertes Trainingslager schickten, in denen sie auf Herz und Nieren geprüft wurden, ob sie bereit und in der Lage seien, den Anforderungen ihres Amtes zu entsprechen, lösten die überkommenen Formen des Lernens im Pfarrhaus ohne klare Struktur und ohne profunde theologische Bildung ab. 

Die Lebensform des Zölibats wurde deutlicher und betonter zum obligatorischen Rahmen priesterlichen Lebens erhoben als zuvor. Durch aszetische Übungen und durch die Einsicht in die hohe Würde und die Einzigartigkeit des Priestertums wurde eine Gewähr dafür geschaffen, dass diese Lebensform, die Christus selbst auszeichnete, auch durch diejenigen gelebt werden würde, die ihn darstellen, repräsentieren und vertreten sollten. 

An der Sanierung des Priestertums, das durch die Reformatoren auf den Prüfstand gestellt worden war, wurde unmittelbar der Wille der Kirche sichtbar, ihren inneren Kern, die Sakramentalität zu retten. Denn wenn die Kirche selbst ein Heilsinstrument ist, dann braucht sie den Priester, um die Gegenwart Christi objektiv und seinem Vermächtnis entsprechend zu erhalten und für die Welt nutzbar zu machen.

Mit der Auflösung des Gedankens eines wirkmächtigen Eingreifens Gottes in diese Welt, mit dem Abschied von der Vorstellung, dass die Welt von Gnade durchdrungen und so als naturhafte Voraussetzung für das Handeln Gottes Trägerin der sakramental-wirklichen Gegenwart Gottes sein könnte, hatte die Reformation ihr eigentliches Ziel erreicht: die Lösung des existentiellen Zusammenhangs zwischen dem menschgewordenen Gott und seiner Kirche, die nicht mehr der eigentliche Ort der verlässlichen Gottbegegnung und damit des Heils sein sollte, sondern bloße Bekenntnisgemeinschaft, also die organisatorische Summe der von Martin Luther aus der „babylonischen Gefangenschaft“ der Sakramentenlehre in individualistische Freiheit gesetzten Christenmenschen. Hier zeigt die Reformation ihr eigentliches Gesicht, wenn sie – weit mehr als nur moralische oder strukturelle Einwürfe zu machen – die Sakramente als ordentliche Orte und Wege des Heils erst marginalisiert und am Ende völlig negiert. „Hier wird die Auflösung des Christentums in eine Gesinnungsreligiosität gerade an dem Punkt vollendet, der am stärksten deren Überwindung bedeuten sollte. [...] Nicht der Kampf gegen den Papst ist für die katholische Kirche das Verhängnisvollste am reformatorischen Vorgang, sondern die Entleerung der objektiven Kraftquelle, des eigentlichen Mysteriums.“ (Lortz, a.a.O., S. 229)

Der reformatorische Infarkt des Christentums hatte in der Kirche beide Herzkammern wirkungsvoll getroffen: die Sakramentalität der Kirche und das Priestertum als Garant der objektiven Gottesbegegnung. Damit war die Kirche als Kirche erledigt.

Oberlehrer einer Besserungsanstalt

In Folge dessen bekam auch die Pfarrei als Ort der Seelsorge eine andere Rolle beziehungsweise verlor ihre bis dahin wesensmäßige Existenzberechtigung. War sie bis dahin der Mikrokosmos gewesen, in dem sich die Fülle des kirchlichen Lebens abspielte, kam ihr nun nur noch die Funktion einer lebensbegleitenden und den eigenen persönlichen Glaubensweg subjektiv stützenden Selbsthilfegruppe zu. Der Trainer, der sich von seinem Gegenüber nur durch bessere Kenntnis der Bibel und als in moralischen Übungen vorbildhafterer Laie unterschied, wollte und konnte kein Priester mehr sein, dem eine durch die Weihe seiner eigenen Schwäche entzogene Handlungsvollmacht innewohnte. Er nannte sich zwar „Pfarrer“, fungierte aber nicht mehr als Stellvertreter Christi, sondern als Oberlehrer einer christlichen Besserungsanstalt, die sich fürderhin auch nicht mehr „Pfarrei“, sondern „Gemeinde“ nannte. In ihr ging es nicht mehr um die Leitung der Gläubigen mittels der Vermittlung der objektiven kirchlichen Lehre durch einen Priester und die von ihm in den Sakramenten hergestellten Verbindung mit der Gnade Gottes. In der Gemeinde sollte es nur noch um den Ort der Selbstfindung des einzelnen Christen gehen, der sich in der „Freiheit eines Christenmenschen“, die Martin Luther gepredigt hatte, seines sakramentalen Heilsgepäcks entledigt hatte und anschließend mit dem „reinen Wort“ und den Tipps des in die Lehrerrobe gekleideten Sonntagsredners in die persönliche Auslegung der Heiligen Schrift und ihre individuellen Ansprüche entlassen worden war. 

Es ist daher eine der wirkungsvollsten Maßnahmen des gegenreformatorischen Reha-Programms, dass das Konzil von Trient (1545-1563) um der Rettung des Patienten willen die Sakramentalität der Kirche und damit die ordentlichen und von den Aposteln überlieferten Heilswege durch die Renovierung des Klerus und durch die neue und strenge Ordnung des Pfarreiwesens auf den Weg brachte. Denn der Glaube und das konkrete Leben der Christen braucht nach katholischer Auffassung die Kirche mit all ihren Verästelungen. Das katholische Glaubensleben braucht nicht „pastorale Räume“,  in denen sich subjektivistische Neigungsgruppen zum Stelldichein ihrer Vorlieben zusammenfinden. Es braucht den Heilsort, an dem das heilige Messopfer die Quelle und der Höhepunkt täglichen Lebens ist. Es braucht den Priester als in Person Christi Handelnden und es braucht die aus dieser Vollmacht abgeleitete Leitung der Gläubigen, eine Leitung, die sich aus der Hirtensorge Christi selbst ergibt, der das Führen der Herde, die Aufopferung des Hirten für das Leben der Tiere und den Schutz der Schafe vor den Wölfen in seinen Gleichnissen nicht zum beliebigen Bild, sondern zum Wesenselement seines eigenen und damit auch des Priestertums der Kirche gemacht hat.

Es ist bezeichnend, dass im Zeitalter der vornehmlich im katholischen Lager stets geübten ökumenischen Kotaus vor dem Selbstbewusstsein reformierter Gemeinschaften diese Sichtweise als politisch inkorrekt und stimmungstötend empfunden wird. Schließlich gehört heute zur offiziellen Lesart des Katholischen eine geradezu buckelnde Servilität, mit der den Protestanten nicht nur die gebührende Höflichkeit, sondern eine nach Anerkennung heischende Unterwürfigkeit entgegengebracht wird. Gerade deswegen muss dem Bild von der Reformation als Krankheitserreger mutig nachgegangen werden. So wie es nicht zuletzt die Kirche des sechzehnten Jahrhunderts in der Situation der Kirchenspaltung tat, als sie alle ihre Kräfte zusammennahm, um den Irrtum um der Wahrheit willen zu vernichten.

Die Päpste, Theologen und die zahllosen Heiligen der Gegenreformation waren zweifelsfrei der Überzeugung, dass Martin Luther der Kirche schweren Schaden zugefügt hatte und dass sein Thesenanschlag, dessen fünfhundertster Jahrestag im Jahre 2017 augenblicklich im deutschen Amts-Katholizismus herbeigesehnt wird wie ein Heiliges Jahr, nicht nur ein Anschlag an die Türe der Schlosskirche zu Wittenberg war, sondern ein Anschlag auf die Wahrheit Christi und Seine Kirche.

Niemand kam auf den Gedanken, den Glaubensabfall schönzureden und die Spaltung der Kirche als Aufbruch oder womöglich als „buntes Miteinander“ zu verstehen, wie es heute üblich ist, wo sich eine Blindheit für die Wahrnehmung der Risse ausgebreitet hat, die sich durch das Kirchenvolk ziehen und die eine Reformation auf kaltem Wege bedeuten, wo das Allgemeine Priestertum aller Gläubigen ein Hebel für die Entsakramentalisierung der Kirche abgibt. Obwohl das Zweite Vatikanische Konzil dazu sehr dezidiert in seiner dogmatischen Konstitution über die Kirche „Lumen gentium“ sagt: „Der Amtspriester nämlich bildet kraft seiner heiligen Gewalt, die er innehat, das priesterliche Volk heran und leitet es; er vollzieht in der Person Christi das eucharistische Opfer und bringt es im Namen des ganzen Volkes Gott dar; die Gläubigen hingegen wirken kraft ihres königlichen Priestertums an der eucharistischen Darbringung mit und üben ihr Priestertum aus im Empfang der Sakramente, im Gebet, in der Danksagung, im Zeugnis eines heiligen Lebens, durch Selbstverleugnung und tätige Liebe.“ (Lumen Gentium 10) 

Und um vollends den Gedanken einer Gleichberechtigung von sakramentalem und Allgemeinem Priestertum zu zerstreuen und vorzubeugen, dass man darin womöglich zwei Seiten einer Medaille erblickt, wenn man beide Begriffe nicht mehr inhaltlich, sondern nur stilistisch differenziert, formuliert das Kirchliche Gesetzbuch zu den Pflichten und Rechten aller Gläubigen: „Was die geistlichen Hirten in Stellvertretung Christi als Lehrer des Glaubens erklären oder als Leiter der Kirche bestimmen, haben die Gläubigen im Bewusstsein ihrer eigenen Verantwortung in christlichem Gehorsam zu befolgen.“ ( Can. 212 § 1 CIC) 

Die Teilhabe der Laien am Priestertum Jesu Christi vollzieht sich also keineswegs als eine „nebenamtliche“ Teilhabe an einem „Hauptamt“, sondern entwickelt den Begriff des Allgemeinen Priestertums aus der Auffassung von der in der Taufe übertragenen Bindung an Christus, den Ewigen Hohenpriester, der bei den Gläubigen durch ein gottgefälliges Leben und bei den geweihten Priestern durch eine sakramentale Teilhabe am Priestertum Christi und seinen Vollmachten ausgeübt wird.

Das neu-deutsche „Pastoralsprech“

Man kommt nicht umhin, die Einlassungen aus den Planungsbüros deutscher Bistümer und nicht zuletzt auch die Hauptlinien von Katholikentagen, Diözesanforen und Bistumswebseiten so zu verstehen, als habe man sich seitens der Verantwortlichen entschieden, in diesem Punkt den Reformatoren des sechzenten Jahrhunderts die Hand zu reichen und sich von der sakramentalen Verfassung der katholischen Kirche mehr und mehr zu verabschieden, die der Grund für ihre hierarchische  Verfassung ist. Wobei die Fehden dieser neuen Reformation innerhalb der katholischen Kirche weniger hitzig ausgetragen werden als vielmehr deren Thesen erst im Mauschelton von Stuhlkreisbesetzern entwickelt, dann von kirchensteuerlich bestallten Bistumstheologen ausgefeilt und in den typischen „Pastoralsprech“ gekleidet werden, der jeden Menschen mit gesundem Sprachempfinden abhängt und auf diese Weise die Aufmerksamkeit der normalen Menschen geschickt ablenkt, bis schließlich die Bischöfe in Vorworten und Vorträgen die Ergebnisse der „Zukunftsarbeit“ ihrer Theologen pressesprecherhaft vortragen und dabei offen lassen, ob sie selbst es waren, die über die Zukunft ihrer Diözesen nachgedacht und entschieden haben, oder ob sie nicht vielmehr – oftmals mangels eigener Erfahrungen in der priesterlichen Seelsorge – lediglich die ungedeckten Schecks ihrer Seelsorgeämter feilbieten, die so gut wie allesamt im deutschen Sprachraum einen Abschied von der sakramentalen Basis der Seelsorge eingeläutet haben – begrifflich wie inhaltlich. 

Noch jüngst floss in euphemistischer Hilflosigkeit aus der Feder des für seine unbedingte Treue zum Deutschen an der deutschen Kirche bekannten Bischofs von Osnabrück und Vorsitzenden der Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz, Franz-Josef Bode, unter der Überschrift „Zwischen pastoralem Übergang und pastoralem Aufbruch“ eine Abhandlung zum „Transformationsprozess in der Seelsorge“, in dem er das Kernanliegen der Reformation, nämlich das Allgemeine Priestertum der Gläubigen, dem sakramentalen Priestertum ersatzweise gegenüberzustellen und in offenbar bewusst gewählter Begriffsschwachheit auch katholischerseits zu rezipieren versucht (vgl. Anzeiger für die Seelsorge 6/2012, S. 29-32).    

„Territorial, personal, kategorial, lokal, temporal, medial, global: das ist Seelsorge nicht mehr zentral, erst recht nicht egal, sondern sehr vital! Solche Vielortigkeit und Vielgestaltigkeit erfordern geradezu eine neue Art Kirche zu sein, in der die Pfarrei eine Gemeinschaft von Gemeinschaften ist. [...] Dazu ist es freilich notwendig, dass wir in den Diözesen und in der Bischofskonferenz konsequent und zügig fördern, was dran ist: nämlich das Miteinander der verschiedenen Dienste in der Kirche von innen her neu zu ergründen und zu gestalten. So sollte schon die Einteilung in Priester und Laien (von laos – Volk Gottes!) differenzierter werden. Wir sollten besser von Getauften, Gefirmten, Beauftragten, Gesendeten und Geweihten sprechen, damit deutlicher wird, wie alle auf verschiedene Weise an dem einen Priester-, Hirten- und Prophetenamt Christi teilhaben und erst gemeinsam Christus in seiner Vollgestalt darstellen.“ (Anzeiger für die Seelsorge a.a.O., S. 30)

Sagt das Bischof Bode nun von sich aus, oder haben es ihm andere über die Notwendigkeiten für die Zukunft gesagt (vgl. Joh 18,34)? Und was will er überhaupt damit sagen? Ist ihm vielleicht entgangen, dass solche Fragestellungen und Ermutigungen zu einer so genannten „differenzierteren“ Einteilung in Priester und Laien zu einem Zeitpunkt, an dem wir schon auf eine jahrzehntelange Unsicherheitspropaganda bezüglich der Rolle und des Wesens von Priestern und Laien zurückblicken können, eher ungeeignet sind, den Begriffsdschungel zu lichten, in den sich der neu-deutsch-„kirchische“ Jargon verstrickt hat? Und wissen der Bischof und die Mehrheit seiner ihm zustimmenden Amtsbrüder, dass solche Lockerungsübungen im Hinblick auf die konkrete Gestalt der Seelsorge und das Wesen der Pfarrei – egal ob als territoriale, personale oder kategoriale Pfarrei – diesen Ort des Gegenübers zwischen einem von Christus dazu ausgesonderten Hirten und „seiner“ Herde unversehens zerstören und aus ihm eine „Gemeinde“ nach reformatorischem Strickmuster ohne Hirten und Sakrament machen werden, wenn man den entsprechenden Tendenzen nachgibt, die auf dem letzten Katholikentag im Mai dieses Jahres unter dem Motto „Schafe werden Hirten“ protegiert und an Info-Ständen wie dem des Bistums Aachen populistisch als „Gemeindeleitung in Gemeinschaft“ proklamiert wurden, die dem Priester nicht einmal mehr eine Letztverantwortung von Amts wegen zusprechen will? Und schließlich: Haben unsere Oberhirten gemerkt, dass sich dieser Prozess schon lange nicht mehr in theologischen Zirkeln kontrollieren lässt, weil er schon längst als „eine veränderte Praxis“ (Aufbrechen mit Laien in Leitung: Kirchenzeitung für das  Bistum Aachen, 27. Mai 2012, S. 11) jeder Kontrolle entglitten und sich in der Zeugung von illegitimen Kindern der Reformation inmitten der katholischen Kirche vervielfältigt hat? 

Wenn der Aufbruch zum Abbruch wird

Die Pfarrei und das defätistische  Herumgemäkel an ihr ist der Prüfstein, ob und wie sehr wir heute eine Reformation auf kaltem Wege untergeschoben bekommen. Man nutzt dabei geschickt die für alle erkennbaren Engpässe in der flächendeckenden territorialen priesterlichen Seelsorge aus, um der Pfarrei als solcher den Garaus zu machen und sie von „pastoralen Räumen“ ablösen zu lassen, die ihre Existenzberechtigung aus dem protestantisch-autonomen Gemeindeverständnis ableiten. 

Die Pfarrei aber ist nach wie vor das Biotop, in dem die ordentlichen und von der Kirche verbrieften Heilswege von der Hand des Bischofs geleitet und in die Hand des Priesters als konkretem Hirten gelegt werden. Denn es gibt keine „alternativen Leitungsformen“ zu der im Modell Hirt-Herde festgeschriebenen Verwiesenheit der Gläubigen auf den Guten Hirten, der im und durch den Priester unumgänglich gegenwärtig werden will. Daher erweist sich der so genannte Strukturwandel mitsamt seinen Wortgottesfeiern und laikalen Leitungsmodellen in aller Regel als gefährliche Mogelpackung, wenn dort versprochen wird, den Mangel an Priestern durch die Erfindung neuer, von ihm weitestgehend unabhängiger Organisationsformen zu kompensieren. In Wahrheit aber wird der Mangel gerade dadurch verstärkt, weil die „alternativen Leitungsmodelle“ den Priester als Priester überflüssig machen. 

Die einzige Hilfe, das Priestertum in Deutschland zu restaurieren  und es aus der Nische eines obsolet gewordenen Berufes herauszuholen, würde ein neuer Hunger nach Sakramenten sein. Und die aus ihm folgende Sehnsucht nach Priestern. Sie würde denjenigen Mut machen, die die Berufung zum Priestertum in sich erkennen. Stattdessen stellt man ihnen überall Verbotsschilder in den Weg, die die neue Freiheit der Laien durch den subkutanen inneren Abstand von den Sakramenten sichern wollen und damit jedem, der heute noch Priester werden will, klarmacht, dass er eigentlich stört. 

Joseph Lortz´ Bemerkungen zu den reformatorischen Entwicklungen im sechzehnten Jahrhundert treffen damit unversehens die Gegenwart: „Hier wird jenes geheimnisvolle Zentrum angetastet, aus dem die Einheit der Kirche über die häretische Meinung des Einzelnen oder vieler hinweg sich selbst durch das Gesetz des Wachstums hätte wiederherstellen können.“ (Lortz I., a.a.O., S. 229) Der Aufbruch ist eben doch ein Abbruch.

Wenn die Pfarrei zur Gemeinde wird, wenn die konkrete geistliche Verortung des Glaubenslebens einem in erster Linie soziologisch begründeten Gemeinschaftsgebilde weicht, in der der Hirte durch das Team ersetzt wird, wenn die Ausrichtung der Verkündigung vor Ort in die Mehrheitsentscheidung der Gremien gelegt wird und die geistliche Leitung sich einem demokratisch gewählten Pastoralkonzept unterordnen muss, dann wird es auch nicht mehr lange dauern, bis die Heiligungsvollmacht des Priesters, also die Sakramentenspendung, ebenso auf den Laien übergeht – wie immer in „konstruktivem Ungehorsam“. Womit die Reformation auf kaltem Wege durchgeführt wäre – egal, ob die Bischöfe hinterherdirigieren oder nicht. 

Schon zur Zeit Martin Luthers war das Versagen der Bischöfe übrigens eine der wesentlichen Bedingungen für die Erfolge des Reformators: „das Ausbleiben einer rechtmäßigen Entscheidung zur rechten Zeit.“ (Lortz I., a.a.O., S. 350) Und wenn heute der eine oder andere Bischof sich traut, dem Schweigen zu den dramatischen Vorgängen ein Ende zu bereiten, wird er die gleiche Erfahrung machen wie damals der Bischof Gabriel von Eichstätt, der sich nicht scheute, im Glaubensabfall eine Strafe für die Untätigkeit der Bischöfe zu erkennen, wenn er klagt: „Ich habe zu Augsburg mit den und den Bischöfen darüber geredet, aber es haftet nichts, es geht nicht zu Herzen.“ (zitiert nach Lortz I., a.a.O. S. 259) Ganz im Gegensatz zu den Reformatoren, die – damals wie heute – unverblümt erkennen lassen, dass sie eine andere Kirche wollen, weshalb sie auch entsprechende Erfolge haben. 

Unversehens kommt uns dabei die Szene während eines Vortrags von Eugen Drewermann Mitte der neunziger Jahre in Köln in den Sinn, den er dort in einer evangelischen Kirche hielt. Nach allem, was er an Zerstörerischem auszubreiten gehabt hatte, und nachdem sich das ergraute Publikum von ihm in die für ein deutsches Zuendedenker- und Durchzieherauditorium typische jugendbewegte Rage hatte bringen lassen, fragte eine Teilnehmerin der etwa vierhundert Senioren, die nun schon länger als zwei Stunden an den Lippen des Guru geklebt hatten: „Herr Drewermann, sagen Sie uns bitte: was sollen wir nun tun? Sagen Sie uns, sollen wir aus der Kirche austreten?“ „Nein! Natürlich nicht!“, antwortete er mit bekannt glasigem und an den in die Leere gerichteten Blick eines Sehers erinnernden Gesichtsausdruck. „Das Trojanische Pferd ist nur erfolgreich innerhalb der Stadt!“

Der Artikel erschien erstmals im Vatican Magazin 12/2012.