Luthers Theologie - eine Autobiographie

 

(Prof. Dr. Alma von Stockhausen)

Was müssen wir von Luthers Leben wissen? Geboren wurde er am 10. November 1483 in Eisleben. Er stammt aus einem gewalttätigen Bauerngeschlecht; Bauern, die ihr Hofgut verlassen mussten, weil der Vater seinen eigenen Knecht erschlagen hat. Der Sohn sollte auf Wunsch des Vaters Jura in Erfurt studieren. Kurz nach seinem Magisterexamen verletzt er in einem Duell seinen Kontrahenten mit seinem Degen tödlich. Er flieht in das Kloster der Augustiner, weil er dort wegen des Asylrechtes der Klöster vor der Justiz sicher war. Er schreibt hier sein erstes Buch: „Über das Asylrecht der Klöster!“

Seine Kommilitonen schreiben ihm: „Was machst denn du im Kloster, was sollen wir denn mit deinem Kebsweib und deinen Kebskindern machen?“ (Kebsweib und Kebskinder war der Name für Uneheliche). Er schreibt zurück – „ich muss im Kloster bleiben, in meiner verdammten Kukulle!“ (Dieser Brief wurde von Dr. Emme veröffentlicht.) „Ich muss hier bleiben, sonst schneidet man mir das Hälsi ab!“  

Luther war sich der Folgen seines Totschlages bewusst. „Ich war sehr fromm im Kloster, doch immer traurig, weil ich meinte, Gott wäre mir nicht gnädig. Satan hat mich in Verzweiflung gebracht. Ich wusste nicht, ob ein Gott wäre. Ich verleugnete Gott ganz und gar.“ 

Im Kloster hatte Luther Zeit, über die Tötung seines Kommilitonen nachzudenken. Er kommt zu dem Ergebnis, dass nicht er schuldig sein könne, sondern Gott allein. Gott wäre doch ein Götze, wenn er nicht mit unveränderlichem, ewigem, unfehlbarem Willen wirksam wäre, argumentiert er. Diese vermeintliche Einsicht erschlägt den freien Willen. Er schreibt an Erasmus von Rotterdam: „Du hast mich allein richtig verstanden. Es geht mir nicht um Ablasshandel, Fegefeuer, Papsttum, sondern allein und in der Hauptsache um den geknechteten Willen. Nicht der arme Mensch ist schuldig, sondern der ungerechte Gott.“  „Ich muss Gott zürnen, ihn hassen und beten: Gott erlöse mich von deinem Übel“  „Er hat Adam lassen fallen und Judas zum Verräter bestimmt. Gott hat sogar Christus getötet, zum ersten Mal im Himmel und dann, vor unser aller Augen, auf Golgatha. Er hat seine eigene Bosheit auf Christus abgewälzt und auch uns zum Jumentum seiner Bosheit gemacht. Er ist nicht unser Vater, er ist Gegner. Ein solcher lebendiger und wahrer Gott aber legt in seiner Freiheit uns Notwendigkeit auf“.  

Der Kardinalpunkt der Sache selbst, um die es Luther geht, ist für ihn die vermeintliche Einsicht, „dass der freie Wille des Menschen durch die Allmacht und Präszienz Gottes wie ein Blitzschlag niedergestreckt sei.  

Shakespeare klagt in King Lear: „Luther vertauscht die herzbewegende Liebe Gottes, die sich selbst zurücknehmend der Freiheit des anderen einräumt, mit dem kalten Allwillen der Alleinwirksamkeit Gottes.“ 

Entsprechend spricht Luther zu seiner eigenen Entlastung vom „geknechteten Willen, de servo arbitrio“, der nur den Willen Gottes, der auch ihn nach seiner Auffassung zur Perseität des Bösen erschaffen hat, erfüllen kann, also Böses tun muss. „Unser einziger Name ist die Sünde!“  Abbildlich zu Gott haben wir nicht, wie Augustinus erklärt, die Vernunft, die die Wahrheit erkennt und den freien Willen, der am höchsten Gut Maß nimmt, wie auch das Gedächtnis als Stimme des guten Gewissens, sondern die drei mala: „mala voluntas, mala intellectus, mala memoria“. Die Erlösergnade Christi hat deswegen keinen Anknüpfungspunkt in unserer bösen Natur, so dass sie nur „per contrarium“ „extra nos“ und ohne uns wirken kann. 

„Christus ist nicht meine Liebe, er verzehrt mich“ . „Er kann nur gegen den Widerstand meiner bösen Natur in mir wirken. Er muss mich übermächtigen, deswegen muss ich gegen ihn fluchen“. 

Aber auch Christus selbst trägt nach Luthers Auffassung nicht nur unsere Sünde, sondern „Christus selbst ist wahrhaft Sünde“ . Die Entäußerung Christi: „Er nahm Knechtsgestalt an“, hat ihn nach Luther zur Sünde gemacht, denn die menschliche Natur ist nach Luther „die Perseität des Bösen“ . Luther beruft sich auf die Propheten, die das schon vorausgesehen haben, „dass der kommende Christus der allergrößte Räuber, Gotteslästerer, Tempelschänder, Dieb sein wird, weil er nicht mehr in seiner eigenen Person wandelt. Darum ist er des Teufels Sohne und verlassen“ .

„Gott muss erst Teufel werden, bevor er Gott werden kann“ . „Gott sagt von sich selbst“, behauptet Luther, „ego sum qui creo bonum et malum, so mächtig ist Gott, dass er den größten Widerspruch mit seiner eigenen, ewigen Natur vereinen kann“ .

Luther sagt: „Christus musste die Rolle des abgründig Bösen durchlaufen, damit er uns gleich wurde und uns zu helfen wusste“ . „Nicht Reue, Leid, Beicht und Buß“ als Bekehrung zu dem, der durch seine Menschwerdung in allem uns gleichgeworden ist, ausgenommen die Sünde, gilt für Luther „wer das verlangt, ist ein Verräter wie der Papst“ . 

„Der Mensch ist“, wie Luther erklärt, „der Sklave seines mit unwiderstehlicher Macht herrschenden Naturtriebes“ . „So wenig ich Berge versetzen kann oder mit den Vögeln fliegen, so wenig kann ich die Unzucht lassen. Narren sind’s, die sich mit Beten, Fasten und anderen Kasteiungen wider die böse Lust wehren, denn den Versuchungen ist leicht abzuhelfen, wenn nur Männer und Weiber vorhanden sind“  

„Eine öffentliche Hure wird eher errettet, als ein Heiliger“ . Luther lehrt ausdrücklich, dass er die Unzucht nicht lassen kann. Die enthaltsame Keuschheit sei eine Unmöglichkeit. „Die Ehe ist ein weltlich Ding und kein Sakrament“, „Ehebruch keine Sünde“  , verkündet Luther weiter. „Es ist ein nötig und natürlich Ding, dass, was ein Mann ist, muss ein Weib haben, und was ein Weib ist, muss ein Mann haben, denn das ehelose Leben hat nur falsche Heiligkeit genährt“ . 

1525 heiratete Luther die abtrünnige Klosterfrau Katharina von Bora. Sie wurde auf Wunsch von Luther in der Nacht vor Ostern, am 5. April 1523, entführt. „Wie der Heiland auf Ostern durch seine Auferstehung die Welt, so sei die Nonne durch ihn erlöst“ . „Drei Frauen habe ich zugleich gehabt, die dritte, Katharina von Bora, halte ich kaum im linken Arm“ . Am 13. Juni 1525 erklärte Luther als damaliger Augustinermönch bei einem Abendessen seinen Freunden als Zeugen, dass er Katharina von Bora zu seiner ehelichen Gemahlin nehme. Mit der Zusage von Katharina von Bora und dem Ringwechsel war die Zeremonie beendet. Und er war, wie er behauptete, „an Käthen gebunden und gefangen“ . „Will aber Fraue nicht, so komme die Magd“ , predigt Luther von der Kanzel über das eheliche Leben. Mit Katharina hatte er sechs Kinder und außerdem einen unehelichen Sohn.

Am 2. Juli 1540 schrieb er seiner Käthe: „ich fresse wie ein Böhme und saufe wie ein Deutscher“ . Jeden Mittag und Abend pflegte er süße, ausländische Weine zu trinken, ca. 7 Liter pro Tag; noch am Vorabend seines Todes, am 17. Februar 1546.

Herzog Georg von Sachsen schreibt an Luther: Wann sind mehr Ehebrüche geschehen, als seitdem Du geschrieben: Die Frau möge sich je nach Umständen auch an einen anderen halten, nicht minder der Mann. 

Luther nennt sich wiederholt einen „von Gott auferweckten Teufel“ . wie in einer Tischrede. „Wir sind des Teufels Gefangene als unseres Fürsten und Gottes, dass wir tun müssen, wie er es will und uns eingibt“ . In dieser Situation des „geknechteten Willens“ bleibt uns eine Rettung, „der Glaube allein“ muss uns befreien. Der Glaube an die Verdienste Christi ohne unsere Mitwirkung! „Dieser Glaube macht“, wie Luther sagt, „dass unser Dreck vor Gott nicht stinkt“ .

Luther schreibt an Melanchthon: „Sei ein Sünder und sündige nur tapfer darauf los, aber glaube noch tapferer und freue dich in Christo, welcher der Sieger ist über die Sünde, Tod und die Welt“ . „Man muss sündigen, solange man lebt, es genügt aber, dass wir den Reichtum der Gnade und das Lamm anerkennen im Glauben, welches die Sünde der Welt trägt, von diesem kann man keine Seele trennen, wenn wir auch an einem Tage hunderttausendmal Unzucht treiben oder töten“ . Einwände der Vernunft, die auf die notwendige Mitwirkung im Sinne Reue, Buße, Gebet aufmerksam macht, sollten wir nach Luther als Versuchung des Teufels betrachten. „Willst du nicht gegen das Evangelium fehlen, so hüte dich vor guten Werken. Dies soll dir eine gewisse Regel sein, nach welcher du dich zu richten hast: Wenn die Heilige Schrift befiehlt und gebietet, gute Werke zu tun, du dies also verstehst, dass die Heilige Schrift verbietet, gute Werke zu tun“ . 

Die neue von Luther verkündete „evangelische Freiheit“ braucht die Kirche und ihre Sakramente nicht mehr. Der Papst wird von Luther entsprechend als der „Antichrist“, als „des Teufels Sohn“  verspottet! Zu erwähnen ist vor allem Luthers Schrift: „Wider das Papsttum zu Rom, vom Teufel gestiftet“. Luther redet den Papst anstatt Eure Heiligkeit „Eure Höllischheit“, bzw. „Eure höllische Gnaden“  an. Die römische Kurie bezeichnet er als „heilige Bubenschule“ . Kein Mensch kann glauben, welch ein Gräuel das Papsttum ist“ . Als „irdischer Gott“ habe der Papst durch viele Jahrhunderte sich mit vielen Dekreten heiser und schier zu Tode gebrüllt und geschrien . „Wer nun nicht glauben will, dass das Papsttum des Teufels Eigentum und sein eigenes Regiment sei, der mag mit ihm dahinfahren“ . „Wir aber“, betont Luther, „wollen und sollen des Papstes Richter sein, das soll uns niemand wehren“ . 

Der Papst nimmt für sich in Anspruch, behauptet Luther, „dass er die Heilige Schrift, die er nie gelernt hat, nicht kann und wissen will, nach eigenem tollen Sinn zu deuten. Nach Gottes und Christi Gehorsam fragt er nichts, fällt ihm kein Gedanke dazu ein“ . „Das ist nun sicher“, belehrt uns Luther weiter, „dass der Papst und sein Stand eine reine Menschdichtung und Erfindung ist. Ebenso weiß man sicher, dass über ihn kein Buchstabe göttlichen Wortes in der Heiligen Schrift gefunden wird, sondern er hat sich aus eigener Hoffart und Vermessenheit und Frevel in solche Höhe gesetzt, sich mit Gottes Wort geschmückt und dadurch Gott schändlich gelästert, sich selbst zum Abgott gemacht und die Christenheit mit einer gräulichen Abgötterei erfüllt, belogen, betrogen und abgöttisch verdammt, uns zu Leuten gemacht, die solches geglaubt und darauf vertraut haben, als hätte es Gott durch sein Wort so geboten. So haben wir den Teufel fürchten und ehren, anbeten und ihm dienen müssen unter Gottes Namen“ . 

„Der Fels, auf den Christus seine Kirche bauen wollte, ist aber allein der Sohn Gottes, Jesus Christus, und niemand anderes“ . „Wer das nicht glaubt“, argumentiert Luther, „muss mit den Pforten der Hölle verdammt sein“ . 

Die Macht der Sünde zu binden und zu lösen ist nach Luthers Auffassung nicht den Aposteln und Heiligen zur Herrschaft über die Kirche gegeben, sondern „allein den Sündern zum Guten und Nutzen“ . „Zwei oder drei, die in Christi Namen versammelt sind, haben“, erklärt er weiter „dieselbe Vollmacht wie Petrus und alle Apostel“ . Also muss außer der Ehe auch das Papsttum aufgehoben werden, dann kann ich nicht in persona Christi priesterlich wirken, sondern dann ist doch auch das priesterliche Wirken vom Bösen. Dann muss also das Priestertum schleunigst aufgehoben werden. Und wenn es das Priestertum nicht mehr gibt, dann muss eben das allgemeine Priestertum dafür eingerichtet werden. Und das ist ja auch richtig, denn wir sind ja in der Taufe alle als Männer und Frauen, als Eheleute, als Priester, als Bischöfe, als Kardinäle, als Papst aus der Taufe gekrochen, wie er meint. Wir sind schon alle das allgemeine Priestertum. Es muss nicht das besondere Priestertum geben, das auf Christus gegründet ist, sondern mit unserer Taufe sind wir ja schon alle Priester, und nicht nur Priester, sondern sogar Bischöfe, Kardinäle und Papst. Das ist uns in die Wiege gelegt. Es gibt also nach Luther nur das allgemeine Priestertum und nicht das besondere Priestertum. Und es gibt auch nicht den Zölibat, denn das wäre ja ein persönlicher Verzicht, das wäre eine persönliche Entscheidung von mir, die ich gar nicht fällen kann, denn ich bin ja prädestiniert zum Bösen. Selbstverständlich ist der Zölibat aufzuheben bei dem allgemeinen Priestertum.

Kann dieses allgemeine Priestertum noch Sünden vergeben? Nein! Christus hat zwar gesagt, dass die Kirche die Möglichkeit der Sündenvergebung, das Bußsakrament, eingerichtet hat auf seinen Wunsch hin: „Wem ihr die Sünden nachlassen werdet, dem sind sie vergeben, wem ihr sie behalten werdet, dem sind die behalten“ . Ach, das hat ja Christus nur gesagt zu Petrus, aber das gilt doch heute nicht, das galt ja nur für Petrus; das ist ja eine völlig falsche Bibelauslegung, wenn wir sagen, das gilt noch für heute. Eine Sündenvergebung gibt es ja gar nicht. Und das ist ja auch Unsinn, denn ich bin ja zum sündigen prädestiniert, ich muss ja sündigen; es wäre ja widersinnig, wenn ich beichten würde, es wäre ja widersinnig, wenn es ein Fegefeuer gäbe.

Ja, also Aufhebung des Priestertums, Aufhebung des Beichtsakramentes. Und wenn es nun auch kein Priestertum in der von der Kirche verlangten Sukzession gibt, dann gibt es natürlich auch keine Transsubstantiation, dann gibt es auch keine Wandlungsmöglichkeit. Und wenn es keine Wandlungsmöglichkeit gibt, dann gibt es natürlich auch keine Eucharistie, sondern dann tritt an die Stelle der Eucharistie das allgemeine Abendmahl. Und das allgemeine Abendmahl ist ein frommes Gedenken an den Opfertod Christi, wie immer dieser Opfertod Christi dann noch verstanden werden soll, ob das ein freiwilliger Tod war oder sein durch den Vater befohlener Tod. Jedenfalls gibt es keine objektive Gegenwart Christi im Altarsakrament, sondern nur ein subjektives Gedenken an den Opfertod Christi beim Abendmahl, also brauchen wir auch keinen Tabernakel mehr, das unsagbare Geschenk einer bleibenden realen Gegenwart Christi: Ich bleibe bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt. Das fromme Gedenken an den Opfertod Christi ist beschränkt auf die Abendmahlsfeier. Aus den Kirchen müssen die Tabernakel verschwinden, es gibt keine objektive reale Gegenwart Christi mehr, die Kirche Christi ohne Tabernakel ist zu einem Gemeindehaus geworden!

„Wenn es mir gelingt, die Messe abzuschaffen, dann glaube ich, den Papst gänzlich besiegt zu haben. Auf die Messe wie auf einen Felsen stützt sich ja das ganze Papsttum mit seinen Klöstern, Bistümern, Kollegien, Altären, Diensten und Lehren Fällt der sakrilegische und fluchwürdige Messgebrauch, dann muss alles stürzen. Durch mich hat Christus begonnen, den Gräuel, der am heiligen Ort steht (Dan 9,27) zu enthüllen und jenen zu vernichten, der da durch des Teufels Hilfe unter falschen Wundern und trügerischen Zeichen gekommen ist“ . 

Man fragt sich, was von der katholischen Kirche übriggeblieben ist. Das Priestertum ist aufgelöst, die Sakramente sind aufgehoben, die reale Gegenwart Christi ist preisgegeben. Was ist erhalten geblieben? Im Grunde nur das, was Erasmus von Rotterdam Luther bestätigt: der böse Gott, der uns zur Perseität des Bösen geschaffen hat. Luther zieht die Konsequenz und sagt, ja, die Seele des Menschen, die keine Vergebung erfahren hat, ist sowieso in Sünden geboren und muss in Sünden sterben und damit ist sie untergegangen, „verdorrt wie das Gras“. Die Seele ist sterblich,  wie Luther sagt. Also ist eigentlich nichts übriggeblieben. Luthers Theologie ist ein einziger Aufhebungsakt aller katholischen Sakramente, aller katholischen Verhaltensweisen des Betens, des Opferns, der Disziplinierung. An die Stelle ist das allgemeine Priestertum getreten. Wir alle sind Amtsträger, wir alle können das Abendmahl inszenieren. Wir müssen zwar von der Gemeinde den Auftrag haben, aber den bekommen wir gleich. Wir alle können dieses fromme Gedenken an den Opfertod Christi initiieren. 

Ich denke, dass Luther wirklich den Atheismus unserer Tage eingeleitet hat, denn an den bösen Gott, der uns zur Perseität des Bösen geschaffen hat, kann eigentlich niemand glauben wollen. Dazu kann es wirklich nur eine zwanghafte Prädestination geben. Aber diesem Gott läuft jeder normale Mensch davon. Ich meine, das ist die Situation unserer Tage, dass die meisten von Gott nichts mehr wissen wollen. Und warum? Ja Gott kann doch diese Zustände, die da herrschen, die kann er doch nicht alle zulassen. Was ist das für ein ohnmächtiger Gott, den gibt es doch gar nicht. 

„Wir sollen“, fordert Luther, „den Papst mit Füßen treten und sagen, er sei ein verzweifelter Lügner, Gotteslästerer und abgöttischer Teufel, der die Schlüssel der Löse- und Bindegewalt an sich allein unter des Petrus Namen gerissen hat“ . 

„Sollte ich denn dem verfluchten Papsttum nicht fluchen, denn hier ist nicht allein erlogen, dass Christus mit dem Wort: alles, was du binden wirst auf Erden, Petrus solche Gewalt über alle Welt verheißen haben sollte, sondern es ist auch erlogen, dass Petrus und die Päpste solche Macht bekommen und ins Werk gebracht hätten“ . 

„Ach, was plagen wir uns selbst mit dem verfluchten Papst. Wie sollte er die Sünde binden, versteht er doch nicht, der große, grobe Esel und Narr, was Sünde sei – kann‘s auch nicht“ . „Was hat der Papst nun gewonnen? Zum ersten das ewige höllische Feuer“. „Während der Papst auf Reue, Beichte und Genugtuung besteht, fordere Jesus nicht unsere Werke, sondern unseren Glauben allein“ , rechtfertigt Luther seine evangelische Freiheit. „Mich kann der Papst nicht für einen Esel halten, denn er weiß, dass ich durch Gottes besondere Gnade“ – Luther vergleicht sich stets mit Paulus – „Gelehrter in der Schrift bin“ . Ich, Martinus, Doktor der Theologie, berühmt als Gelehrter, kann beurteilen, dass der Papst, die Kardinäle und der ganze römische Hof in der Heiligen Schrift nichts könne, nichts wisse, nicht einmal das Vaterunser. Ich, als früherer Lehrer und Prediger in der Kirche Christi hab hiermit das meine gethan“ . „Wer dem Papst gehorsam ist, kann nicht selig werden“ . „Der Eid dem Papst gegenüber sei ein Eid, der dem Teufel getan sei“ . 

1522 erschien in Wittenberg Luthers deutsche Übersetzung des Neuen Testamentes. Vorher gab es schon 14 vollständige hochdeutsche Bibelausgaben. Seine Übersetzung erfuhr scharfe Kritik: über 3000 Stellen bedürfen der Korrektur. „Gottes Wort und die Luthersche Bibelübersetzung, zwei grundverschiedene Dinge“. Z.B. wenn es im 2. Petrusbrief heißt: Brüder, macht durch gute Werke eure Berufung und Erwählung gewiss, übersetzt Luther eigenmächtig: durch den Glauben allein, ohne die Werke des Gesetzes! Luther muss folgerichtig zu seiner grundlegenden Behauptung, dass das Handeln des Menschen durch den bösen Gott bestimmt sei, auf den Glauben allein setzen, der aber gerade nicht als eine freie Entscheidung für Gott verstanden werden kann, sondern konsequentermaßen nur als apprehensiver Glaube, d.h. als Glaube, der mich ergreift: „Der Glaube ist Gottes und nicht des Menschen Werk. Alle anderen Werke wirkt Gott mit uns und durch uns, dieses allein wirkt er in uns ohne uns“ . 

Wenn wir gezwungen sind, angesichts unserer Situation zu fluchen, dann müssen wir auch in die politischen Verhältnisse eingreifen, z.B. im Kampf gegen die Fürsten auf Seiten der aufständischen Bauern, oder auch umgekehrt, mit den Fürsten gegen die Bauern. Luther verkündet, „unter den Christen soll keine Obrigkeit sein“ . Die Fürsten bezeichnet Luther als „Gottes Stockmeister und Henker. Sie haben es verdient, dass Gott sie vom Stuhle stürzt, diese ärgsten Narren und Buben auf Erden, die nur schinden und schaben“ . In seiner Schrift „Ermahnung zum Frieden“, im Jahre 1525, hetzt er noch die Bauern gegen die katholischen Fürsten, blinde Bischöfe, tolle Pfaffen und Mönche auf. Später ruft er zum Kampf gegen die räuberischen und mörderischen Bauern auf und fordert: „Es ist die höchste Zeit, dass sie erwürgt werden wie die tollen Hunde. Ein Fürst kann jetzt mit Blutvergießen den Himmel leichter verdienen als mit Beten“ . Bei einem Tischgespräch rühmt sich Luther: „Ich, Martin Luther, habe im Aufruhr alle Bauern erschlagen, all ihr Blut ist auf meinem Hals. Aber ich weise auf unseren Herrn und Gott, der hat mir das zu reden befohlen“ . „Der gemeine Mann muss mit Bürden beladen sein, sonst wird er zu mutwillig“ . Entsprechend befürwortete Luther die Wiedereinführung der Leibeigenschaft wie bei den Juden. Den Juden sagt er wörtlich: „Wenn ich einen Juden taufe, will ich ihn an die Elbbrücke führen, einen Stein an den Hals hängen und ihn hinabstoßen und sagen: ich taufe dich im Namen Abrahams!“  

Kaiser Karl V. beschuldigt Luther „des Teufels leibeigener Knecht und des Papstes Soldat zu sein. Zwischen dem Kaiser und einem Mörder ist kein Unterschied, er gehört unter die deutschen Bestien, Wölff und durchläuchtige Säu“. Er beschimpft ihn als „rasender Narr und Mörder und wütender und tobender Kaiser“ .

Mönche, die der Kirche treu blieben, verspottet er als „ungelehrte Eselsköpfe, Bauchdiener, Saulangen, welche alle zum Teufel fahren. Die Höll ist mit geschorenen Mönchsköpfen gepflastert. Die Höll hupft, wenn einem Mönch die Seele entfährt“ . 

„Bischöfe sind Diener des Teufels, der Papst ein vermummter leibeigener Teufel, Antichrist, gottloser Bub, ein verzweifelter Gottes-Bösewicht. Die Katholiken eine freche Teufelskirche. Sie werden in die Hölle fahren. Thomas von Aquin eine theologische Missgeburt, Grundsuppe aller Ketzereien und Vertilgung des Evangeliums“ .

1522 verkündete Luther: „Lass uns das Evangelium, d.h. seine evangelische Freiheit, noch zwei Jahre treiben, so sollst du wohl sehen, wo Papst,    Bischöfe, Kardinal, Pfaff, Mönch, Nonne, Messkuttenkappen, Platten und das ganze Gewürm päpstlichen Regiments bleiben, wie der Rauch soll es verschwinden“ . 

Luther wird müde. Allein der Glaube rettet Luther nicht vor dem schlimmsten Werk, dem Selbstmord. Der fluchende Kampf gegen alle Mächte auf dieser Erde, die katholische Kirche, den Kaiser, die Moral, die Kultur, macht ihn alt, und wie er auch selber sagt: „kalt“. „Ich kann nicht beten“, ohne Vertrauen auf Gott hat er die umfassendste Revolution entfacht, den „Höllensturz der europäischen Tradition“.

Seinen Trinkgenossen bekennt Luther am 17. Februar 1546: „Ich werde nicht mehr lange leben, ich will mich in den Sarg legen und den Würmern einen feisten Doktor zu fressen geben! Wir Alten müssen so lange leben, dass wir dem Teufel in den Hintern sehen“ . Weil Luther völlig betrunken war, nahmen ihn die Diener an die Hand und geleiteten ihn in sein Schlafgemach. Als sie am folgenden Morgen wiederkamen, um ihrem Herrn beim Ankleiden behilflich zu sein, sahen sie ihren Herrn und Meister, Martin Luther, neben seinem Bett hängend, elend erwürgt! Den Leichnam befreiten sie vom Stricke und legten ihn ins Bett. Die Nachricht von seinem plötzlichen Tod wurde den Fürsten überbracht. Seine Leiche wurde nach Wittenberg gebracht und dort in der Kirche „Allerheiligen“ beigesetzt. Luther hatte diese Kirche „zu allen Teufeln“  genannt.

Nehmen wir Abschied von Luther und seiner Theologie, die nichts anderes ist, wie Mock zu Recht sagt, als eine Metapsychologie, d.h. eine Selbstrechtfertigung seiner bösen Leidenschaften. „Der Glaube allein“ ohne unser Mittun führt nicht zu Gott, sondern stellt nur eine Selbstbefriedigung dar im Sinne „der bequemsten Religion der Welt“ , als Antwort auf Christus, der den bittersten Kreuzestod zur Erlösung unserer Schuld auf sich genommen hat!

Allein die drei sola, die Luthers Theologie charakterisieren, sola gratia: die Gnade ohne sittliche Voraussetzungen – sola fides: allein der Glaube ohne entsprechende Werke – sola scriptura: individuelle Schriftauslegung ohne kirchliches Lehramt, stellen keine Reformation, sondern die umfassendste Revolution dar – wie Gustav Siewerth in „Schicksal der Metaphysik“ schreibt: „den Höllensturz der Kultur“!

Heidegger und mit ihm Adolf Hitler berufen sich auf Martin Luther, der den Streit zwischen dem „göttlichen Gott“ und uns strittig hält: „Gott übermächtigt den Menschen und der Mensch übertrifft Gott“ . „Wenn dieser Kampf aussetzt, wendet Welt sich weg – ist nichts mehr“ . Nietzsche mahnt: „Oh, dass uns nicht das Kreuz Christi das Selektionsprinzip durchkreuzt“! 

In dieser Situation vertrauen wir auf die göttliche Barmherzigkeit. Sie ist die größte Eigenschaft Gottes, sagt uns die heilige Schwester Faustyna. Geborgen im Meer Seiner Liebe, die ihr eigenes Leben immer neu für uns hingibt, singen wir gerade morgen, am Fest der Barmherzigkeit, dem Herrn ein neues Lied der Dankbarkeit: Wunderbares hat er an uns getan!

 

Dieser Vortrag wurdeam 13. August 2016 im Rahmen des Theologischen Sommerkurses der Gustav-Siewerth-Akademie gehalten.

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